(c) Bialasiewicz | Dreamstime.comGeschlechterspezifische Gesundheit
FEMM-Ausschuss legt Entschließungsentwurf zu Geschlechterungleichheiten im Gesundheitswesen vor.
NS – 01/2026
Der irische Abgeordnete Billy
Kelleher (Renew Europe) hat im Ausschuss für die Rechte der Frau und die
Gleichstellung der Geschlechter (FEMM-Ausschuss) einen ersten Entwurf für einen
Initiativbericht des Europäischen Parlaments vorgelegt. Darin macht er auf geschlechtsspezifische
Ungleichheiten im Gesundheitswesen aufmerksam und fordert politische Maßnahmen
auf EU-Ebene. Der Bericht zeigt Defizite entlang der gesamten Versorgungskette
auf – von der Forschung über klinische Studien bis hin zu Diagnostik, Behandlung
und Finanzierung. Hintergrund ist die über viele Jahre vorherrschende
Ausrichtung am männlichen Körper. Geschlechtsspezifische Unterschiede mit
Auswirkungen auf die Gesundheit von Frauen sind dadurch vielfach noch nicht
ausreichend erforscht („Gender Health Gap“).
Ungleichheit beginnt bei Forschungslücken
Der Bericht hebt hervor, dass
systematische Ungleichgewichte bereits im frühen Stadium der medizinischen
Forschung beginnen. In der präklinischen Forschung wird nach wie vor
überwiegend mit männlichen Tieren gearbeitet, wodurch geschlechtsspezifische
Unterschiede von Beginn an nur unzureichend berücksichtigt werden. Verschärft
wird diese Datenlücke durch die anhaltende Unterfinanzierung der Forschung zu
geschlechtsspezifischen Erkrankungen: Im Jahr 2020 flossen lediglich rund 5 Prozent
der weltweiten Forschungs- und Entwicklungsmittel in die
Frauengesundheitsforschung. Zwar hat die Europäische Union mit der Verordnung
(EU) Nr. 536/2014 zu klinischen Prüfungen Regelungen eingeführt, die auf
eine stärkere Inklusivität abzielen. Dennoch zeigt sich in der Praxis weiterhin
eine deutliche Unterrepräsentation von Frauen in klinischen Studien. Als
wichtigen Schritt wird die geplanten
Leitlinie der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) zur Einbeziehung
schwangerer und stillender Personen in klinische Studien bewertet. Zugleich
wird gefordert, diesen Ansatz auszuweiten und weitere Maßnahmen zu ergreifen,
um strukturelle Verzerrungen bereits vor Beginn klinischer Studien zu
korrigieren und auch andere unterrepräsentierte Gruppen besser zu
berücksichtigen.
Geschlechtsspezifische Erkrankungen mehr in den Fokus rücken
Der Bericht macht deutlich, dass die
Gender Health Gap im Bereich von frauenspezifischen Erkrankungen besonders
deutlich zutage tritt. So betrifft Endometriose schätzungsweise 10 bis 15 Prozent
der Frauen im gebärfähigen Alter, dennoch haben sich in den vergangenen 40
Jahren lediglich 10 von rund 146.000 EU-geförderten Forschungsprojekten mit
diesem Krankheitsbild beschäftigt. Ähnlich ernüchternd ist die Lage beim Zugang
zur Gesundheitsversorgung in den Wechseljahren. Betroffene werden hier mit
begrenzten Fachangeboten und uneinheitliche Leitlinien in der Versorgung
konfrontiert. Doch auch bei der Diagnose weit verbreiteter Erkrankungen bleibt
der weibliche Blick in der Medizin häufig unzureichend berücksichtigt.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache bei Frauen in der
EU, ihre Symptome äußern sich jedoch oftmals anders als bei Männern. In der
Folge ist das Risiko einer Fehldiagnose von Herzinsuffizienz bei Frauen etwa
doppelt so hoch. Vor diesem Hintergrund spricht sich der Bericht ausdrücklich
dafür aus, geschlechtersensible Gesundheitsversorgung stärker in medizinische
Aus- und Weiterbildungsprogramme zu integrieren.
Prävention & Finanzierung ausbauen
In dem Entwurf wird die
Kommission dazu aufgefordert, ihre gesundheitspolitischen Zuständigkeiten voll
auszuschöpfen, um den universellen Zugang zu sexueller und reproduktiver
Gesundheit und Rechten zu stärken und in der Grundrechtecharta zu verankern. Zudem
wird sich für einen freiwilligen, solidarischen EU-Finanzierungsmechanismus
ausgesprochen, um den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen für Personen zu
erleichtern, die in ihrem Herkunftsland keinen Zugang dazu haben. Die kommende
Gleichstellungsstrategie 2026–2030 sollte zudem gezielt dazu genutzt werden, um
konkrete Maßnahmen vorzuschlagen, die Investitionen in geschlechtsspezifische
Erkrankungen priorisieren. Schließlich sollten EU-Mittel eine zentrale Rolle
dabei spielen, die bestehenden Forschungslücken zu schließen, Prävention zu
stärken und Ungleichheiten im Zugang zur Gesundheitsversorgung abzubauen. Nicht
zuletzt wird die Förderung geschlechtersensibler Gesundheitsforschung zugleich
als Chance für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit in der EU verstanden. Der
Entwurf unterstreicht damit den Anspruch, Geschlechtergerechtigkeit im
Gesundheitswesen strukturell und nachhaltig auf EU-Ebene zu verankern.